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Veröffentlichungen: Filmkritiken
Eingestellt von Wolfgang Melchior am 14. 07. 2003 (1466 mal gelesen)
Thema
Wolfgang Melchior schreibt:
Filmkritiken
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Veröffentlichungen: Der Utilitarismus und das Problem der Verteilungsgerechtigkeit
Eingestellt von Wolfgang Melchior am 07. 02. 2002 (2380 mal gelesen)
Thema Arbeiten in der Philosophie
Arbeiten in der Philosophie Wolfgang Melchior schreibt:

Wolfgang Melchior:


Der Utilitarismus und das Problem der Verteilungsgerechtigkeit
in: Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie, Heft Nr. 23 Markt und Gerechtigkeit (1992, 12.Jgg.), S. 29-38


(S. 29 --) Wenn Marktstrategen von einer "Unternehmens-" oder "Wirtschaftsethik" sprechen, so steht dabei die Vorstellung im Vordergrund, ökonomisches Handeln müsse ethisch reguliert oder korrigiert werden. Auch wenn das Bedürfnis nach einer "business ethics" "offenbar vorwiegend in den Chefetagen selbst erwächst" [1], so bleibt zu fragen, welche ethischen Prinzipien denn Verwendung finden sollen und wie diese einigermaßen rational gerechtfertigt werden können. Letztendlich bleibt eine Wirtschaftethik auf die Hoffnung angewiesen, daß sich die von ihr postulierten ethischen Ideale möglichst bald in den Chefetagen der Konzerne durchsetzen werden. Zweifel daran sind schon deswegen angebracht, weil in solchen Ethiken der Eindruck erweckt wird, als ob ökonomische Entscheidungsprozesse sich auf rationale und bewußte Handlungen von Individuen reduzieren lassen.
Die Konzepte der "business ethics" laufen zumeist auf die Konstruktion einer "autonomen Ethik" hinaus. Autonome Ethiken, worunter deontologische Konzepte einer Verantwortungsethik (Hans Jonas: "Prinzip Verantwortung"), einer theologischen Ethik (Sozialenzykliken) und einer "Bewußtseinswandelethik" (C.F.v.Weizsäcker: "Bewußtseinswandel") fallen, haben die Eigenschaft einer faktischen Praxis unvermittelt ethische Prinzipien als Handlungsnormen entgegenzusetzen, ohne zeigen zu können oder zu wollen,

- wie diese Prinzipien wirksam werden können und
- wie diese Prinzipien konkret angewendet werden sollen.


So ist es nicht verwunderlich, daß solche Ethiken meist appellativen und postulatorischen Charakter haben, was beim "aufgerüttelten Leser" meist das "poetische" Gefühl zurückläßt, daß es in unserer so schlechten und verkorksten Welt doch noch Menschen mit den richtigen (den ambitionierten) Ideen gibt. Die Kluft zwischen vernünftiger und realer Praxis reformulieren autonome Ethikkonzepte als den Konflikt zwischen faktischer Handlung und ethischer Norm.


Angewendet auf die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft heißt dies: nutzenmaximierendes und kooperatives Handeln sind in Konflikt [2]. Im ersten Fall ist es rational, sein eigenes Interesse bzw. den eigenen Nutzen zu fördern. Im zweiten (S. 30 --) Fall gilt als rational, kooperativ zu handeln, d.h. Regeln zu vereinbaren und sich an bereits vereinbarte zu halten. Natürlich treten der "Egoist" (Fall 1) und der "Moralist" (Fall 2) nie in Reinform auf, da wirtschaftliches Handeln immer auch strategisches Handeln unter Risiko ist. D.h. es berücksichtigt die Interessen der anderen am Wirtschaftsprozeß Beteiligten und findet unter Risikobedingungen statt, in denen der eigene Nutzen nicht von vorneherein feststeht. Nichtsdestotrotz haben ökonomische, nutzenmaximierende Handlungsstrategien im Gegensatz zu kooperativen, moralischen nur extrinsischen Wert. Das heißt, die Qualität ökonomischer Handlungen bestimmt sich nicht durch Übereinstimmung mit irgendwelchen Regeln, sondern durch die Resultate, die diese Handlungen hervorrufen. Nicht die ökonomische Handlung selbst besitzt qualitative Eigenschaften, sondern erst ihre Folgen. Moralische Handlungen haben intrinsischen Wert, d.h sie gelten unabhängig von ihren Folgen.
Die utilitaristische Ethik findet ihren Ausgangspunkt in der Betrachtung nutzenmaximierender Strategien, in denen Handlungen nur extrinsischen Wert ("extrinsic value") haben. Zunächst hat diese Ethik den argumentationsstrategischen Vorteil, moralische Überlegungen (und damit die moralische Qualität von Handlungen) nicht von Rechten und Pflichten, die anderweitig gerechtfertigt werden müssen (etwa vertragstheoretisch, diskursethisch oder dogmatisch durch einen Katalog von Ver- und Geboten),



sondern von kollektiven Nutzenbetrachtungen abhängig zu machen. Der Utilitarist will die sich autonom dünkende Moral auf den empirischen Boden dessen holen, was Menschen als nützlich betrachten. Fragen nach einer Verteilungsgerechtigkeit etwa behandelt der Utilitarist nicht unter dem Blickwinkel (angeblich) evidenter und universeller Werte (Imperative, Postulate), sondern er versucht sie aus den jeweils historischen, ökonomischen Nutzenfunktionen der Gesellschaftsmitglieder heraus zu klären. Für den Utilitaristen hängen die Ideen von Gerechtigkeit und Gleichheit nicht in irgendeinem "platonischen Himmel" universeller Werte, sondern eng mit der Bedürfnisstruktur einer Gesellschaft zusammen.


Der Utilitarismus läßt sich als die adäquate Moraltheorie des Kapitalismus betrachten. Dies belegt nicht nur der Umstand, daß sich gerade Ökonomen seiner angenommen haben, sondern daß er in der heutigen Ethikdiskussion zum Zentrum all der normativen Ethiken geworden ist, die keine autonome Ethik (siehe oben) betreiben wollen. Der utilitaristische Diskurs, der durch die Kritik der amerikanischen Vertragstheorie (Rawls, Nozick, J.M. Buchanan) wieder neuen Diskussionsstoff erhalten hat, orientiert sich zumeist an bestehenden marktstrategischen Praktiken und fragt, wie daraus moralische Prinzipien abzuleiten und zu begründen sind.



Die konsequentialistische Handlungsethik:
Im folgenden soll nach einer kurzen Darstellung und Problematisierung zentraler utilitaristischer Thesen gezeigt werden, daß der Utilitarismus genau dort (S. 31 --) seine Grenzen hat, wo er zum ideologischen Reflex des Kapitalismus wird. Vereinfacht gesprochen, werfen die theoretischen Unzulänglichkeiten des Utilitarismus ein Licht auf die praktischen Widersprüche des Kapitalismus. Damit soll nicht behauptet werden, der Utilitarismus sei pure Ideologie, sondern lediglich, daß diese Moraltheorie das vielleicht geeignetste moderne Instrumentarium für die Beurteilung progressiver und regressiver Moralvorstellungen im Kapitalismus bietet.


Zentral für den Utilitarismus ist sein folgeethisches (konsequentialistisches) Prinzip. Es versucht ethische und nützliche Werte (Güter) in der Weise zu verbinden, daß in einer Wahlsituation zwischen mehreren Handlungen die Handlung als die moralisch beste gilt, die die besten Konsequenzen hervorruft. Oder wie Mill es formuliert: "The creed which accepts as the foundation of morals, Utility, or the Greatest Happiness Principle, holds that actions are right in proportion as they tend to promote happiness, wrong as they tend to produce the reverse of happiness" [2a].


So ergibt sich für jeden Utilitaristen die Maxime, so zu handeln, daß der Gesamtnutzen nicht verringert wird, sondern mindestens gleichbleibt. [Nutzen (vor der Handlung) = Nutzen (nach der Handlung)]. Um sich nicht auf das schwierige Problem der Kalkulierbarkeit von Handlungsfolgen einlassen zu müssen (ex ante Bewertungen), nimmt man einfach an, daß, wenn jeder einzelne seinen Nutzen vergrößere, auch der Gesamtnutzen (S. 32 --) zunehmen müsse. Mill hatte dies noch im optimistischen Geist des Liberalismus behauptet. Der Markt, der die individuellen Nutzen irgendwie vermittelt, wurde dort noch als etwas potentiell Unbegrenztes gesehen, als ob jeder, der seinen Nutzen nur vergrößern wolle, dies auch schaffe. Die Grenznutzentheorie hatte jedoch gezeigt, daß Nutzenmaximierung seine Grenzen in der Bedürfnisbefriedigung hat. Auch hat die Einsicht, daß individuelle Nutzenfunktionen starke Interdependenzen aufweisen, heutige Utilitaristen vorsichtiger werden lassen. So reflektiert die heutige Theorie recht gut die Marktsituation, wenn angenommen wird, Nutzenfunktionen ließen sich ableiten von "rationalem Wahlverhalten in Situationen der Unsicherheit" ("rational choice in situations of uncertainty") [3]. Doch damit ist das Problem, wie individueller und gesamter Nutzen zusammenhängen, noch ungeklärt. Denn gerade dort taucht das Problem der Verteilungsgerechtigkeit auf. Der
Utilitarismus hat vier Lösungsstrategien anzubieten:

1. Der Regelutilitarismus:
Ein naheliegendes Verfahren, das "Greatest Happiness Principle" in Schwierigkeiten zu bringen, ist es, den Utilitarismus mit der Frage zu konfrontieren, wie er eigennutzorientierte Menschen dazu bringen will, in ihren Handlungen stets das allgemeine Wohl im Auge zu haben. Oder anders formuliert: welche Gründe hätte ein utilitaristisch handelnder und denkender Mensch durch sein Handeln auch den Nutzen anderer Personen zu fördern? Eine Antwort darauf ist der Regelutilitarismus [4]. Dort wird angenommen, daß neben Handlungen auch Regeln (=ethische Normen) nützlich sein können. Diese Regeln lassen sich nach regelutilitaristischer Auffassung von Nützlichkeitsüberlegungen ableiten.
Doch auch für einen Regelutilitaristen sind Regeln nur solange verbindlich, wie sie nützlich sind. Die Regel "pacta sunt servandi" würde er sofort brechen, wenn sie in einem konkreten Fall gegen das Nutzenmaximierungsprinzip verstoßen würde. Z.B. würde auch ein Regelutilitarist das Versprechen, das Testament eines anderen zu vollstrecken, brechen, wenn in diesem verfügt worden ist, daß das gesamte Erbe vernichtet werden soll. - Ein anderer Lösungsansatz der oben gestellten Frage operiert mit einer Abstraktion. Man behauptet einfach, es sei rational, wenn jeder sich nicht als besser oder schlechter als jede andere Person betrachtet (" ... thinking of yourself just as one man among others" [5]). Aus dieser Behauptung leitet man das Prinzip des wohlwollenden Handelns ab: "The utilitarian's ultimate moral principle ... expresses the sentiment not of altruism but of (S. 33 --) benevolence, the agent counting himself neither more or less than any other person." [6] Das Prinzip des wohlwollenden Handelns unterschiebt durch eine theoretische Abstraktion - indem es eben alle als gleich betrachtet - dem einzelnen eine moralische Norm. Diese kann aber nicht durch Nützlichkeitserwägungen gerechtfertigt werden, sondern sei jedem vernünftigen Menschen als "a favourable attitude to the general happiness" [7] angeboren.

2. Gleichgewichtszustände (Pareto-Optimalität)
In seiner Präferenz für individuelle Nutzenmaximierung ist der Utilitarist (wie der Marktwirtschaftler) in der Regel wenig geneigt, in bestehende Nutzenverteilungen einzugreifen. Dem kommt ein in den Wirtschaftswissenschaften lange Zeit bestimmendes Modell von Gleichgewichtszuständen entgegen. Man spricht dort von sog. "Pareto-optimalen Zuständen der Nutzenverteilung". Eine Gesellschaft/System gilt dann als Pareto-optimal, wenn niemands Nutzen erhöht werden kann, ohne den eines anderen zu mindern. Eingriffe in die Nutzenverteilung einer Gesellschaft sind daher nur dann erlaubt, wenn sich der Nutzen für alle vergrößert [7a].


Interessanterweise verträgt sich Pareto-Optimalität mit Gesellschaftszuständen, in denen größte soziale Unterschiede herrschen, d.h. große Nutzendifferenzen vorliegen [8]. Die Forderungen von Arbeitern gegenüber den Kapitalisten nach einem "gerechten Lohn" gelten dann als Pareto-inoptimal und damit als ungerecht, wenn durch die Erfüllung dieser Forderung der Nutzen für die Arbeiter sich zwar erhöhte, für die Kapitalisten aber minimierte. Rawls u.a. haben gezeigt, daß der Gerechtigkeitsbegriff des Pareto-Optimums zu kurz greift. Er berücksichtigt nicht die Ungleichheiten, mit den die einzelnen in den Wirtschaftsprozeß eintreten. Daher müsse, um einen Pareto-optimalen Zustand auch "gerecht" nennen zu können, auch so etwas wie "Chancengleichheit" gewährleistet sein [9]. "Die Gerechtigkeit geht der Pareto-Optimalität vor und verlangt gewisse nicht Pareto-optimale Veränderungen. Erst ein vollkommen gerechter Zustand ist auch Pareto-optimal." [10] Der Utilitarist und Marktstratege, der Pareto-optimale Zustände mit gerechten Zuständen gleichsetzt, formuliert einen idealen Zustand des Kapitalismus, in dem



die Kategorie der Chancengleichheit bereits vorausgesetzt wird. Erst wenn "nicht Pareto-optimale Veränderungen" vorgenommen werden, die von außen korrigierend in das System eingreifen, sind Pareto-optimale Zustände auch gerecht. Diese Korrekturen lassen sich aber gerade nicht mehr aus uti1itaristischen (Pareto-optimalen) Nutzenerwägungen ableiten, sondern sind - (S. 34 --) wie Rawls demonstriert - nur innerhalb einer Gesellschaft denkbar, deren Mitglieder sich kooperativ verhalten.

3. Durchschnittsnutzenutilitarismus
Anfangs setzte der Utilitarismus den Gesamtnutzen einer Gesellschaft mit der Summe aller individuellen Einzelnutzen gleich (Gesamtnutzen SN = N1 + N2 + ... + Nn) [11]. Dieser Summenutilitarismus führt aber zu kontraintuitiven Konsequenzen:
Erstens sind in einem summenutilitaristischen Modell größte soziale Unterschiede völlig irrelevant, wenn der Nutzen der Reichen den geringen Nutzen der Armen nur aufwiegt. Ein Summenutilitarist macht keinen Unterschied zwischen einer Gesellschaft mit einer absoluten Nutzenverteilung von z.B. 20, 40, 90 und einer, in der der Nutzen mit 50, 50, 50 gleichmäßig verteilt ist, da in beiden Gesellschaften die Summe der Einzelnutzen gleich ist (hier: 150). Er teilt diese Indifferenz gegenüber Nutzenverteilungen mit Marktstrategen, die die Nutzenverteilungen als extern zum System individueller Nutzenmaximierung ("invisible hand"-Modell) betrachten.


Zweitens herrscht in einem summenutilitaristischen Modell absolute Reproduktionspflicht. Jedes Mitglied einer Gesellschaft erhöht, egal wie arm und unproduktiv, den Gesamtnutzen. Der Begriff der Reproduktion erstreckt sich dabei auch auf die Fortpflanzung. Eine Gesellschaft mit hoher Fortpflanzungsrate ist gegenüber einer Gesellschaft mit einer niedrigen Rate für einen Summenutilitaristen deswegen vorzuziehen, weil in ersterer sich mehr Einzelnutzen zum Gesamtnutzen addieren. Der Summenutilitarist kennt keine Maximalzustände, jenseits deren sich die Gesamtsumme nicht vergrößern läßt [12]. Er sieht Systeme als grundsätzlich expandierbar an. Es scheint darin der Geist des Kapitalismus sich niederzuschlagen, der sein Reich nicht nur als unendlich betrachtet, sondern der 'Produktivität' per se schon als nützlich betrachtet. Beide, der Summenutilitarist wie der Kapitalist, unterstehen dem Diktat des Reproduktionszwangs.


Der Durchschnittsnutzenutilitarismus (Gesamtnutzen Dn = Sn/n) ist eine Antwort auf diese Defizite. Er versucht, dem Phänomen sozialer Ungleichheiten gerecht zu werden. Nach diesem Modell "drückt" jeder Arme den Gesamtnutzen. Vergleichbar ist dieses Konzept mit dem Begriff des Bruttosozialprodukts. Doch auch der Durchschnittsutilitarismus rechtfertigt noch gezielte Ungleichverteilungen. So kann z.B. durch Ausbeutung der Gesamtnutzen einer Gesellschaft noch (S. 35 --) "gehalten" werden, wo er ohne Ausbeutung fallen würde. Für das Verteilungsproblem im oben angeführten Beispiel (20, 40, 90 gegenüber 50, 50, 50) hat dieses Modell die "Lösung", daß der erste Gesellschaftszustand aus dem Grund abgelehnt werden müßte, weil mehr Menschen unter dem gesellschaftlichen Durchschnittsnutzen liegen. Jeder Arme (unter dem Durchschnitt liegende) vermehrt jetzt nicht mehr den Gesamtnutzen, sondern vermindert ihn.


Grundsätzlich ist der Durchschnittsnutzenutilitarist zwar daran interessiert, daß nicht schlechthin Nutzen produziert wird (oder die Menschen sich nicht wahllos reproduzieren), sondern alle kommenden Menschen (Nutzenfunktionen) nicht unter dem derzeitigen Gesamtnutzen liegen. Allerdings wird diese Einsicht durch das utilitaristische Grundprinzip konterkariert, das sich an alle Individuen mit der Aufforderung richtet, sich so nutzenmaximierend wie möglich zu verhalten. Daher ist es aus utilitaristischer Sicht schwer verständlich, warum bestimmte Verteilungen des Nutzen (moralisch) besser sein sollten als andere [13].

4. Nutzenbewertungen (Präferenzutilitarismus)
Als letzter Ausweg bietet sich



dem Utilitaristen die vertragstheoretische Argumentation. Ursprünglich davon ausgehend, daß jeder seinen eigenen Nutzen maximieren und einschätzen könne, wird nun ein unparteiischer Beobachter zwischen individuellen Nutzen und Gesamtnutzen geschoben [14]. Seine Aufgabe sei es, die Einzelnutzen gegeneinander abzuwägen und in ein System zu bringen, das Bewertungen von Nutzenfunktionen zuläßt. Ein solches System muß mindestens folgende Bedingungen erfüllen:


  1. es muß mit einer empirischen Handlungstheorie vereinbar sein,
  2. es muß intersubjektive Nutzenvergleiche ermöglichen,
  3. die Nutzenfunktionen müssen quantifizierbar sein (sum ranking), in dem Sinne, daß Nutzen gegeneinander "verrechnet" werden können,
  4. es muß eine Nutzenordnung (ordering) ermöglichen.
    Der heutige Präferenzutilitarismus operationalisiert den Begriff des "Nutzens" nun so, daß die Befriedigung von Präferenzen (Interessen, Bedürfnisse, Neigungen) notwendig als nützlich gilt. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen unmittelbarem Bedürfnis und sozial vermitteltem Interesse. Für den Nutzenbegriff reicht es aus, wenn die Intentionen einer Handlung mit ihren tatsächlichen Ergebnissen verglichen werden.


Aus Gründen der Quantifizierbarkeit und Vergleichbarkeit der Nutzenfunktionen arbeitet der Präferenzutilitarismus mit drei Idealisierungen:
Erstens unterstellt er eine Gesellschaft "isomorpher Individuen", die identisch in Bezug auf ihr Konsumverhalten (= Bedürfnisbefriedigung) sind. So soll gezeigt (S. 36 --) werden, "that it is possible to regard individuals who are, by reason of age, skills, sex, strength, or culture, apparently different, as nevertheless identical for the purposes of social judgement" [15]. Zwei Menschen seien dann "isomorph", "if they are described in formally identical terms by means of changes in the variables that describe their situations" [16]. Wie der abstrakte Tausch in der Warenproduktion von den konkreten Ungleichheiten der Produzenten absieht, reduziert das Konzept "isomorpher Individuen" Handlungen auf "formal identische Begriffe".


Zweitens werden Nutzen als Tauschwerte behandelt und dadurch kommensurabel gemacht. Der Utilitarismus im allgemeinen macht keinen Unterschied zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. Die Werte der Bedürfnisse werden als grundsätzlich vergleichbar im Sinne kontextfreier Bewertbarkeit gesehen. Der Wert, den ein bestimmter Gegenstand für eine bestimmte Person hat ist grundsätzlich vergleichbar mit dem Wert eines anderen Gegenstandes für eine andere Person. So soll etwa der Nutzen eines gerechten Lohnes stets über dem dem Nutzen fernzusehen stehen, unabhängig von konkreten Situationen. Daß Dinge auch Werte unabhängig von ihrem über Äquivalenzbeziehungen vermittelten Nutzen haben, kommt dem Utilitaristen nicht in den Sinn. Er verhält sich gegenüber konkreten Werten ähnlich reduktionistisch wie der kapitalistische Tausch: die Dinge gelten nur so viel, wie sie über abstrakte Äquivalenzbeziehungen kommensurabel gemacht werden können.
Drittens geht man davon aus, daß sich jeder über seine eigenen Bedürfnisse voll im klaren ist. Der Präferenzutilitarist unterstellt den rationalen, gut informierten (well-informed) und reflektierten einzelnen oder er erlaubt sich, die Präferenzen des einzelnen im Sinne seiner Auffassung von "prudent preference" zu korrigieren. Der "impersonality view" (Harsanyi), der unparteiische Beobachter, kommt genau hier ins Spiel. Er soll die Rahmenbedingungen für nutzenmaximierendes Verhalten festlegen, indem er die einzelnen über ihre "wahren Bedürfnisse" aufklärt und die einzelnen Bedürfnisse in einer für alle akzeptablen Weise ordnet. Er ist deswegen unparteiisch, weil er selbst keine Interessen und Bedürfnisse haben soll.


Wenn es überhaupt so einen idealen Gesetzgeber geben kann, so ist er nicht anders denkbar als der gewählte Vertreter der Mehrheit einer Gesellschaft, der mit dem Eid belegt wird "alles zum Wohle



des Volkes" zu tun. Dabei scheint das Konzept des unparteiischen Beobachters das Wirtschaftsmodell einer sozialen Marktwirtschaft ideologisch zu universalisieren. Dort soll der Staat insofern "unparteiisch" fungieren, als er die Spielregeln für nutzenmaximierendes Handeln festlegt, ohne wirklich in den Wirtschaftsprozeß einzugreifen.
Metaethisch gesehen bildet dieser unparteiische Beobachter die Instanz, die so etwas wie "allgemeingültige Normen" festlegen soll. Mit diesem Konstrukt (S. 38 --) möchte der Utilitarismus an dem teilhaben, was die traditionellen, autonomen Ethiken ausgezeichnet hatte: die Universalisierbarkeit moralischer Normen.


Die Stärke des Rawls'schen Ansatzes liegt gerade darin, daß er den Gerechtigkeitsbegriff aus hypothetischen Annahmen abzuleiten versucht: 'angenommen, niemand in einer Gesellschaft von Gleichgestellten wüßte, welchen sozialen Status er später einmal haben wird, so muß er mit dem Schlimmsten rechnen. Auf welche Gesellschaftsordnung würden sich die Mitglieder verständigen?' So ist es nicht verwunderlich, daß der Utilitarismus schließlich zunehmend mit hypothetischen Argumenten arbeitet. Damit kehrt sich der Utilitarismus von Nutzenüberlegungen ab und wendet sich vermehrt vertragstheoretischen Gedanken zu.


Resumee
Der Utilitarismus hat bis heute keinen plausiblen Gerechtigkeitsbegriff zustandegebracht. Seine reduktionistische Grundhaltung versucht, die moralische Frage der Verteilungsgerechtigkeit in Nutzenfunktionen aufzulösen. Aus Gründen der Operationalisierbarkeit des Nutzenbegriffes bleibt der Utilitarismus letztlich eine streng individualistische Theorie. Für seine ideologische Bedeutung ist dabei seine Ahistorizität kennzeichnend. Einzelinteressen werden im Sinne mathematischer Konstanten als grundsätzlich gleich angesehen. Ausgehend von dieser Symmetrie der individuellen Präferenzen vermag der Utilitarismus die Asymmetrien einer Gesellschaft theoretisch nicht zu erfassen, da ihm ein Begriff gesellschaftlicher Vermittlung von Nutzenfunktionen (Bedürfnisse, Interessen) einfach fehlt. Die Quelle sozialer Ungleichheiten bleibt im Dunkeln. Bestehende Ungleichheiten muß er entweder rechtfertigen oder er korrigiert sie von außen durch das Prinzip des Durchschnittsnutzens oder den "unparteiischen" Beobachter.


Damit scheitert der Utilitarismus theoretisch dort, wo der Markt praktisch in Schwierigkeiten gerät. Daß dessen Gleichheit in der Zirkulation zu den Ungleichheiten in der Produktion in einem gesetzesartigen Verhältnis steht (wie dies Marx etwa beschreibt), versuchen Marktstrategen ähnlich "extern" (interventionistisch) zu "lösen" wie der Utilitarismus das Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Zur Rechtfertigung ihrer Systeme bleiben Utilitaristen wie Marktstrategen daher nichts anderes übrig, im Ideologem der "Chancengleichheit" die Gerechtigkeit zu unterstellen, die letztendlich in der Gesellschaft herrschen soll. Doch selbst die in Bezug auf die Nutzenmaximierung unterstellte Gleichheit reicht offensichtlich für einen fundierten Gerechtigkeitsbegriff nicht aus.


Fußnoten:
1) Alfred Jäger, Unternehmensethik und Verantwortung, in: Wirtschaft und Ethik, hrg. v. H. Lenk u. M. Maring, Stuttgart 1992, S. 271. [Zurück zum Text]



2) Die Begriffe "kooperatives" und "nutzenmaximierendes" Handeln sind zentrale Kategorien der Spiel- und Handlungstheorietheorie. Dort spricht man auch von eigennutzorientierten (self-interest oriented)/defektiven und kooperativen/moralischen Spielstrategien. Es wird u.a. versucht, ob aus Situationen, in denen sich alle Beteiligten anfangs eigennutzorientiert verhalten, Zustände entstehen können, in denen es im Interesse jedes einzelnen liegt, sich moralisch kooperativ zu verhalten.


Einführend: Rainer Hegelsmann: Ist es rational, moralisch zu sein?, in: Wirtschaft und Ethik, hg. v. H. Lenk und M. Maring, Stuttgart 1992, S.165-185); vgl. auch: David Gauthier, Morals by Agreement, Oxford
1986. [Zurück zum Text]



2a) John Stuart Mill, Utilitarianism, chapter III. [Zurück zum Text]



3) Vgl. Harsanyi, John C.: Morality and the theory of rational behavior, in: Utilitarianism and beyond. hrg. v. A. Sen a. B. Williams, S. 39-62 (besonders S. 53). [Zurück zum Text]



4) Eine Diskussion des Regelutilitarismus findet sich in: J.J.C.Smart, An outline of a system of utilitarian ethics, in: J.J.C. Smart/Bernard Williams, Utilitarianism for and against, Cambridge 1973, S. 9-12. [Zurück zum Text]



5) J.J.C. Smart, ebd., S.32. [Zurück zum Text]



6) ebd., S.32. [Zurück zum Text]



7) ebd., S.31. [Zurück zum Text]






7a) Anmerkung nach Veröffentlichung: Diese Formulierung ist nicht ganz richtig und viel zu lax.


Pareto-Optimalität ist ein Kriterium der sozialen Wahl innerhalb eines sozialen Systems. Es fragt danach, wie moralische Präferenzen aus persönlichen Präferenzen entstehen und gerechtfertigt werden können, d.h., wie sich ein soziales System entscheiden soll, wenn die Präferenzen der Gesellschaftsmitglieder bekannt sind. Individuum j sei ein Individuum mit persönlichen Präferenzen, während Individuum i die moralische Präferenz als die Wahl der Gesellschaft (Social Choice) repräsentiere.
"Suppose that at least one individual j (j=1,...,n) personally prefers alternative A to alternative B, and that no individual has an opposite personal preference. Then individual i will morally prefer alternative A over alternative B." Dieses allgemein gefaßte Kriterium läßt sich in drei Regeln zerlegen:
Für zwei Alternativen a und b, ein beliebiges Individuum j und ein von j verschiedenes beliebiges Individuum k ("alle anderen") gilt:
Fall 1: ("j: a Ij b) - a Ii b ( wenn alle indifferent gegenüber a und b sind, dann sollte es auch die Gesellschaft [moralisches Individuum i] sein)
Fall 2: ($j: a Pj b) & ("k: a Rk b) - a Pi b (wenn ein einzelnes Inviduum j a gegenüber b streng vorzieht und alle anderen a mindestens so gut wie b beurteilen, dann sollte die Gesellschaft a streng gegenüber b vorziehen)
Fall 3: ($j: a Pj b) & ("k: a Ik b) - a Pi b (wenn ein einzelner a streng gegenüber b vorzieht und alle anderen gegenüber a und b indifferent sind, dann sollte die Gesellschaft a gegenüber b vorziehen)


Das Pareto-Kriterium ist zwar reflexiv und transitiv (vorausgesetzt jedes Individuum besitzt ein Quasiordering mit transitiver und vollständiger Präferenzenmenge, d.h., alle Individuen können alle Alternativen in eine Rangordnung der oben im Nutzenkonzept vorgestellten Art bringen), jedoch ist es unvollständig, denn:
Was soll die Gesellschaft (Individuum i) bevorzugen, wenn
- ein Individuum j a gegenüber b vorzieht und ein Individuum k b gegenüber a?
- ein Individuum j a gegenüber b vorzieht und alle anderen Individuen k b gegenüber a?
Man kann diesem Problem dadurch "begegnen", indem man den Geltungsbereich auf strenge Präferenzen aller (also einstimmige Präferenzen) einschränkt:
Schwache Pareto-Optimalität :("j: a Pj b) - a Pi b (wenn alle a gegenüber b streng vorziehen, dann sollte die Gesellschaft a streng gegenüber b vorziehen). Jetzt ist eine gesellschaftliche Präferenz nur durch eine einstimmige Entscheidung möglich.
Pareto-Optimalität ist ein äußerst konservatives Prinzip: demnach sollte sich eine Gesellschaft nur dann für eine Veränderung eines Status quo aussprechen, wenn entweder alle sie streng vorziehen oder zumindest keiner die Veränderung als schlechter gegenüber dem Status quo beurteilt. Ein einziges Individuum, welches die Veränderung
ablehnt, verlangt von der Gesellschaft, beim Staus quo zu bleiben.
Pareto-Optimalität für Wohlfahrtsentscheidungen, in welcher Form auch immer, versucht, Einstimmigkeitsbedingungen zu formulieren. Sie ist allerdings viel zu unflexibel einzelnen Präferenzen gegenüber, da sie Präferenzen von Individuen als konstante Größen betrachtet, die kompromißlos einander gegenüberstehen. Wie oben bereits zu sehen war, interpretiert Rawls dagegen die Einstimmigkeitsbedingung als ein Vetorecht im Urzustand. Auch Rawls? Wahl der Prinzipien durch die Parteien muß schwach pareto-optimal sein, allerdings muß er sich nicht mit verschiedenen Parteien im Sinne von Individuen j mit verschiedenen Präferenzenmengen herumschlagen, da seine Parteien aus der Sicht einer einheitlichen repräsentativen Partei gesehen werden können. An dieser Stelle ist gut zu sehen, daß sich damit bei Rawls das gesamte Problem der Pareto-Wohlfahrtsökonomie wie von selbst auflöst. [Zurück zum Text]






8) Vgl. Amartya Sen, On Ethics and economics, Oxford 1987, S.31-40. [Zurück zum Text]



9) Eine ausführliche Diskussion von Rawls' Ansatz liefert der Aufsatz von Hans-Jürgen Kühn in diesem Heft. [Zurück zum Text]



10) John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/Main 1979 [Orig. 1971], S.100. [Zurück zum Text]



11) So Bentham in "An Introduction to the Principles of Morals and Legislation" (London 1789). Dort wird die "Gemeinschaft" als "fictious body" bezeichnet, die nichts anderes sei als "the sum of the interests of the several members who compose it" (chapter I, 4). [Zurück zum Text]



12) Der Marktstratege von heute besitzt jedoch einen Begriff von Grenznutzen in der Formel von der "Sättigung des Marktes". Das gilt aber nur für bestimmte Waren in bestimmten Marktzuständen. Wenn der Markt für ein Produkt "gesättigt" ist, dann wird entweder künstlich die Nachfrage gesteigert oder ein neuer Markt "erschlossen". [Zurück zum Text]



13) Vgl. John Rawls, Theorie der Gerechtigkeit, a.a.O., S.40-45. [Zurück zum Text]



14) Mill nennt sie "only competent judges" (John St. Mill, Utilitarianism, chap. II). [Zurück zum Text]



15) J.A. Mirrlees, The economic uses of utilitarianism, in: Utilitarianism and beyond, hg. v. A. Sen u. B. Williams, Cambridge 1982, S.70. [Zurück zum Text]



16) J.A. Mirrlees, ebd. S.72. [Zurück zum Text]






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Veröffentlichungen: The Social Basis of the Concept of Objectivity: D. Davidson in München
Eingestellt von Wolfgang Melchior am 07. 02. 2002 (907 mal gelesen)
Thema Arbeiten in der Philosophie
Arbeiten in der Philosophie Wolfgang Melchior schreibt:



Wolfgang Melchior:


The Social Basis of the Concept of Objectivity. -
Donald Davidsons Vorlesungen in München

"Seit Descartes basiert Epistemologie auf dem Wissen eines Ichs (first person knowledge). Nach dem üblichen Muster müssen wir mit dem Sichersten anfangen: Wissen von unseren eigenen Wahrnehmungen und Gedanken. Auf die eine oder andere Weise machen wir dann, wenn wir können, Fortschritte in Richtung auf ein Wissen einer objektiven Außenwelt. Dann gibt es den letzten, wenig stichhaltigen, Schritt zum Wissen, daß es noch andere Wesen mit Bewußtsein gibt.
In diesen Vorlesungen plädiere ich für eine Totalrevision dieses Bildes. Alles propositionale Denken, ob positiv oder skeptisch, ob vom Inneren oder vom Außen, erfordert den Besitz eines Begriffs von objektiver Wahrheit, und ist ausschließlich denen zugänglich, die mit anderen in Kommunikation stehen. Wissen der dritten Person - Wissen von anderen Bewußtseinen - ist somit konzeptionell grundlegend. Jedoch ist ein solches Wissen unmöglich ohne ein Wissen von einer gemeinsam geteilten Welt von Objekten zu einer gemeinsam geteilten Zeit am gleichen Ort. Somit beruht Wissen nicht auf einem Fortschreiten vom Subjektiven zum Objektiven; es taucht in holistischer Form auf und ist interpersonal von Anfang an."[1]

Schon angesichts des letzten Satzes nimmt es wunder, warum die Vorlesungsreihe mit "Kantvorlesungen" angekündigt ist. Vielleicht hat man ja nur das "Anti-" vergessen. Jedenfalls gehört Davidson, wenn man so will, dem empiristischen Lager der analytischen Philosophie an.



I.
Womit soll eine Bedeutungstheorie der Sprache beginnen? Mit Worten oder Sätzen? Dem alten empiristischen Bild zufolge funktioniert unser Spracherwerb durch ein Hinüberwandern von Sinneswahrnehmungen in einen Raum von Bedeutungen in der Art, daß zunächst präsente Gegenstände durch Ostension, dann komplexe Prädikate und singuläre Termini für nicht beobachtete oder beobachtbare Gegenstände und schließlich theoretische Begriffe durch "Bedeutungspostulate" erlernt werden. Irgendwann einmal geht der Lernende dazu über, Wörter in Sätzen zu verwenden, d.h. grob gesagt, er weist den Termini semantische Rollen zu, die die Syntax der Sprache ausmachen. In dieser Bausteintheorie des Spracherwerbs werden erkenntnistheoretische Prioritäten durch das Postulieren einer bestimmten Reihenfolge des Erlernens gerechtfertigt. Die Rede vom Organischen der Sprache (Holismus) stützt sich hier auf die Behauptung, daß jeder Teil notwendig zum Verständnis der ganzen Sprache ist, und daß die Aszendenz vom Empirischen zum Theoretischen einer wirklichen Reihenfolge des Spracherlernens entspricht.
[2]


Dagegen nimmt sich Davidsons Holismus anders aus: sein Satzholismus geht davon aus, daß die Bedeutung eines Satzes nicht aus seinen Teilen erzeugbar ist, und das aus zwei Gründen: im Falle, in dem wir Worte als bedeutungstragende Teile einer Syntax auffassen, droht ein Regreß; und im Fall, wo mit dem Fregeschen Begriff der Erfüllung [p(x) mit p als einem Prädikat und x einem Namen oder singulärem Terminus hat keine anderen Werte als diejenigen, auf die das Prädikat zutrifft] operiert wird, benötigen wir den Begriff der Referenz aller Satzteile nicht [der Satz "der Vater von Annette" bezieht sich nur auf den Vater der Person, die den Namen Annette trägt].
[3] Davidson kommt zu dem Urteil, "nicht davon auszugehen, daß Teile von Sätzen Bedeutungen haben, außer in dem ontologisch neutralen Sinne, daß sie einen systematischen Beitrag leisten zur Bedeutung der Sätze, in denen sie vorkommen".[4]


Statt dessen hängen die Sätze einer Sprache derart zusammen, daß Sätze nur innerhalb einer Sprache Bedeutung haben, da Sätze ihre Bedeutung von einer Struktur erhalten und die Teile dieser Struktur eine Realabstraktion aller Sätze der
Sprache sind. Urteile nun haben wie Sätze nur in einem bestimmten Muster von Urteilen Bedeutung, und Gedanken (propositionale Einstellungen) sind durch Muster von Überzeugungen bestimmt. Ebenso sind Intentionen (Wünsche, Absichten etc.) hochgradig voneinander abhängig.


Die Konsequenz, die Davidson daraus zieht, liegt darin, daß


1. linguistische Ausdrücke und theoretische Begriffe (Glauben, Wahrheit, Intentionen) nicht unabhängig voneinander identifiziert werden können (sie gehören genauso zum Reportoire propositionaler Einstellungen);


2. es Grade von Überzeugungen gibt, auf die das einfache Modell von Zustimmung oder Ablehnung nicht paßt (daher versucht Davidson in letzter Zeit seine Interpretationtheorie mit einer probabilistischen Entscheidungstheorie zu vereinen).


II.
Sätze des Glaubens haben für Davidson eine bestimmte logische Form. Sie lassen sich als Sätze in indirekter Rede mit einem Operator "x sagt, daß" darstellen. Solche Sätze "bestehen aus einem Ausdruck, der sich auf einen Sprecher bezieht, dem zweistelligen Prädikat sagte[5]
Der Clou ist nun, daß der Satz(teil) in indirekter Rede semantisch unabhängig ist vom Satz(teil) vor dem "daß". Auf diese Weise wird jeder Überzeugung eine bestimmte Struktur (Logik) zugewiesen.


Damit ist jedoch noch nicht viel gewonnen für eine Interpretationstheorie der Äußerungen eines Sprechers. Davidsons Generalthese ist die, daß eine Interpretationstheorie gleichzeitig eine Theorie der Bedeutung und eine Theorie des Glaubens liefern kann. Drei Begriffe sind hier zentral: das Für-wahr-Halten eines Satzes, die Überzeugungen eines Sprechers und die Bedeutung des Satzes. "Ein Sprecher hält einen Satz für wahr als Resultat zweier Überlegungen: was er als Bedeutung des Satzes auffaßt und was er glaubt, das der Fall ist."
[6]


Bevor jeder Sprecher irgendetwas von einer propositionalen Einstellung versteht, weiß er, ob eine bestimmte Äußerung eine Wahrheit ausdrücken will. Wahrheit ist ein Maß, das dem Bereich des Mentalen seine Struktur gibt. Die Anwendung einer Wahrheitstheorie auf Sätze einer Objektsprache (die Äußerungen) erzeugt Sätze, die angeben unter welchen Bedingungen diese Sätze wahr sind (Tarski). Einen Satz interpretieren bedeutet also herauszufinden, unter welchen Bedingungen er für wahr gehalten wird.



III.
Die dritte Vorlesung ist dem Problem der Wahrheit gewidmet. Dort diskutiert Davidson unter "the folly of trying to define it" (paper "outline of lectures") alle wesentliche Ansätze von Wahrheitsdefinitionen und gibt an, warum sie fehlgehen.


1. Die Kohärenztheorie der Wahrheit ist "schlichtweg falsch", da es einfach nicht der Fall, daß wir Wahrheit nur verstünden, wenn wir ein Wissen über unsere Überzeugungen haben. Wenn die Konsistenz von Überzeugungen das Definiens von Wahrheit wäre, könne es einfach keine Wahrheit geben, da sicherlich nicht unsere sämtlichen Überzeugungen konsistent sind. Anzumerken bleibt auch noch das Problem, in welches System von Überzeugungen denn jeder neue Satz passen soll.


2. Die übliche Korrespondenztheorie korreliert Teile von Sätzen mit Teilen der Welt. Mit was auch immer ein wahrer Satz korrespondiert, er referiert nur auf ein Objekt innerhalb eines Bezugsrahmens. Davon ausgehend hat C.I. Lewis gezeigt, daß wahre Sätze, wenn sie überhaupt mit der Welt korrespondieren, dann mit der Welt als ganzer. Eine Korrespondenztheorie glaubt mit dem Begriff der Referenz dem Konzept der Wahrheit etwas hinzuzufügen, was ihn definieren könne, kann aber gleichzeitig nicht die Teile der Welt angeben, auf die die Teile der Sätze sich beziehen. Intuitiv gesagt drücken korrespondenztheoretische Theoreme nur aus, daß etwas in der Welt der Fall ist, ohne zum Verständnis des Begriffs der Wahrheit etwas beizutragen.
[7]


3. Epistemische Theorien: Pragmatische Theorien der Wahrheit enthalten wie alle epistemischen Wahrheitstheorien Verweise auf einen Prozeß des Wissenserwerbs. In



R. Rortys Bemerkung, wonach etwas wahr sei, wenn es der bestinformierte Vertreter einer Sprachgemeinschaft für wahr hält, liegen zwei Fehler: einmal idealisieren sie Wahrheit in der Form, daß diese vom Ende einer alle wahren Sätzen enthaltenden Wissenschaft begriffen wird (Konvergenzthese) oder irgendetwas mit der Anwendung bestimmter konzeptioneller Verfahren unter idealen Bedingungen (Putnam: Wahrheit ist unter idealen Bedingungen berechtigte assertability) zu tun hat. Zum anderen relativieren sie das Konzept der Wahrheit auf epistemologische Standpunkte (bei Putnam ist dies sogar das gesamte begriffliche Schema einer Person). Epistemische Konzepte von Wahrheit verwenden bereits einen Begriff von Wahrheit anstatt ihn zu erklären.


4. Wahrheitstheorien, die Davidson deflationär nennt, sind sich einig in dem Punkt, daß Wahrheit kein grundlegender, philosophisch interessanter Begriff ist. Redundanztheorien erklären Wahrheit mit folgender Bemerkung (weg): "Es ist wahr, daß p" heißt nichts anderes als p. "Es ist wahr, daß" ist ein Satzoperator, der weggelassen werden kann, ohne am Gehalt des Satzes etwas zu ändern. Der Disquotationist ("Anführungszeichenentferner") versteht eine Wahrheitstheorie als ein Verfahren, den objektsprachlichen Satz in einen Satz ohne Anführungszeichen zu überführen und dabei das Wahrheitsprädikat zu eliminieren. Für Quine ist die Rede, daß ein Satz wahr ist, "bloß eine andere Art ihm zuzustimmen".


Paul Horwich gibt folgendes Beispiel (in "Truth"): Die Behauptung, daß p, ist dann und nur dann wahr, wenn p.(oder: "p" ist dann und nur dann wahr, wenn p) Davidsons Einwand ist hier, daß es mit dem Entfernen der "" nicht getan ist (d.h. es sich nicht um bloß eine logische Wahrheit handelt). Das kommt daher, daß p einmal als Name eines Satzes auftritt (Referenz auf eine Äußerung), während das zweite p ein Satz ist, der ein Urteil ausdrückt.



IV.
Worin liegt nun die Stärke des Tarskischen Ansatzes, der fordert, daß eine Wahrheitstheorie für jeden Satz s der Objektsprache einen sog. T-Satz der Form "s ist dann und nur dann wahr, wenn p" fordert, wobei p eine Übersetzung von s in die Metasprache der Wahrheitstheorie darstellt und nur dann wahr sein soll, wenn s wahr ist. Davidsons These ist die, daß die T-Sätze ("Schnee ist weiß" ist genau dann wahr, wenn Schnee weiß ist) die Wahrheitsbedingungen explizieren, die dann durch Belege verifiziert werden können. Der einzig undefinierte semantische Begriff ist der der Erfüllung. Dabei wird Wahrheit nicht definiert, sondern enumerativ angegeben, wann ein bestimmter Satz wahr bezüglich einer bestimmten Sprache L (trueL) ist.


Wie oben bereits angedeutet, neigt Davidson zur Aufgabe des Referenzbegriffes als primitiven Term. Nur innerhalb von Sätzen erhalten Worte so etwas wie Referenz (Frege). Das habe auch Quine anerkannt, der seine Bedeutungstheorie mit Ein-Wort-Sätzen beginnt (Word and Object). Das systematische Problem ist, aus einem endlichen Vokabular von semantischen Begriffen eine Wahrheitstheorie zu zaubern, die auf eine unendliche Menge von möglichen Sätzen paßt.
Quine kommt zur Unbestimmtheit der Referenz aus der Überlegung, unter welchen (Reiz)-Bedingungen eine erfolgreiche Übersetzung von der Objektsprache in die Sprache des Interpreten vorliegt.


Demgegenüber verschiebt Davidson die Fragestellung: was muß ein Interpret von der Semantik einer Sprache wissen? Das Muster bleibt gleich: Zustimmung oder Ablehnung von Sätzen wird als Produkt von zwei nicht direkt beobachtbare Größen, Glauben und Bedeutung, aufgefaßt. Das Problem der Übersetzungsunbestimmtheit umgeht Davidson durch eine Zusatzannahme: dem principle of charity. Es besagt, daß der Interpret vor jeder Interpretation bereits eine Struktur besitzen muß, die er den Überzeugungen des Sprechers unterschiebt. Dieses rationale Muster umfaßt die Annahme, daß je mehr Sätze eine Sprachgemeinschaft als wahr akzeptiert, desto besser gelingt das Verstehen. Eine Interpretationstheorie umfaßt also drei systematische Teile:
(1) eine Wahrheitstheorie,



die T-Sätze erzeugt, deren formale Struktur die Wahrheitsbedingungen von Sätzen expliziert, (2) eine empirische Theorie, die die T-Sätze verifizieren kann und (3) das principle of charity.


V.
Jetzt muß der Begriff der Wahrheit mit unseren Überzeugungen, Interessen und Intentionen derart in Beziehung gesetzt werden, daß Äußerungen von Sprechern objektiv, wahr und verständlich werden. Wie kommt es, daß wir im Reden über die Welt so erfolgreich sind, wenn wir doch angeblich nur Reize haben (Lichtreize, Laute)? Externalistische Ansätze gehen davon aus, daß Bedeutung und Verstehen eine nicht-subjektive Angelegenheit ist.Davidson unterscheidet zunächst zwei Spielarten des Externalismus, den sozialen und den perzeptionalen.


Soziale, externalistische Theorien gehen von der intuitiven Idee aus, daß Kommunikation und das Verstehen von Bedeutung eingebunden ist in ein soziales Geflecht von Praktiken des Spracherlernens, -anwendens, -spielens. Bedeutungen sind nichts Persönliches, sondern hängen davon ab, was andere mit ihren Worten meinen. Wir gebrauchen demnach die gleichen Bedeutungen wie andere (Verstehen), weil wir dieselben sozialen Praktiken mit ihnen teilen oder geteilt haben. Antiindividualisten wie T. Burge machen die Äußerung von bestimmten Worten frei vom Begriff des Wissens von Bedeutungen und dem Gehalt der Worte. Eine solche Auffassung scheint schnurstracks in einen Bedeutungsplatonismus zu führen, da hier nur eine Sprachgemeinschaft als ganze Bedeutungen erfaßt. Ein weiteres Beispiel eines sozialen Externalismus exemplifiziert Davidson am Kripke'schen Regelfolgeparadox. Eine Bedeutung wissen heißt dort die Disposition zu haben, einer Regel zu folgen. Einer Regel zu folgen heißt, von einer endlichen Menge von Beispielen fortzuschreiten. Die Regel enthält also irgendwie eine potentiell unendliche Anzahl von Anwendungen. Wir haben hier also das Problem der Induktion: was heißt es, so weiterzumachen wie jemand anderer es uns gezeigt hat. Zu sagen, wir sollten nur in Übereinstimmung mit einer bereits etablierten Praxis weitermachen, verschiebt nur das Problem, da nicht gesagt wird, welche relevanten Merkmale des Praxis weiterprojiziert werden sollen (relevante Ähnlichkeiten).


Der perzeptionelle Externalismus bestimmt Bedeutungen durch die kausalen Geschichte ihres Erwerbs. Verstehen von Bedeutung hängt von der Geschichte einer Person in Relation mit der Welt ab. Diese Geschichte wird beschrieben durch die Situationen, in denen ein Sprecher bestimmte Äußerungen tut. Dadurch wird aber, so Davidson, der Begriff der Bedeutung unvollständig, da die kausal vermittelte Geschichte von Bedeutungen unendlich viele Ursachen zur Verfügung stellt. Ein solcher Bedeutungsbegriff gibt nicht an, welche Ursachen für die Bedeutung eines Wortes relevant sind (Ähnliches trifft für Davidson auf Quine Reizbedeutungsbegriff zu: jede Äußerung hat eine unendliche Menge von Reizursachen). Beide Spielarten sind also nicht ausreichend, um Gedanken einen für andere Sprecher interpretierbaren Gehalt zuzuweisen.


Solche, traditionellen, Ansätze stützen sich auf ein Zweipersonenmodell von Objektivität. Zu sagen, Person A verwendet die Bedeutung ähnlich, indem sie fortschreitet wie eine Sprachgemeinschaft S zuvor, heißt: A reagiert auf Dinge der Welt auf ähnliche Weise wie S. Doch nehmen wir so verrückte Prädikate wie Goodmans "grue" (trifft auf alle die Dinge zu, die vor einem bestimmten Zeitpunkt t beobachtet wurden, wenn sie für grün befunden sind, und auf andere, wenn diese blau sind), dann können zwei Sprecher denselben Gegenstand als grün erkennen, wobei allerdings der eine grue und der andere grün meint. Das Problem liegt also darin, anzugeben, ob A und S dieselbe Sprache verwenden.


VI.
Davidson geht es nun darum, einen Konvergenzpunkt zu finden, an dem die Sprecher
- nicht mehr je für sich auf Objekte reagieren,
- gegenseitig aufeinander bezogen sind.
Dazu verwendet er ein Dreiecksmodell (triangulation), dessen drei Knoten aus dem Objekt O, einem Sprecher A und einer
Sprachgemeinschaft S bestehen. Die kausalen Ketten von A und S treffen sich nun zur selben Zeit in ähnlicher Weise (relativ zu ihrer Vergangenheit) durch Bezugnahme auf O. Darüberhinaus reagieren A und S gegenseitig aufeinander. Also:
1. reagiert A auf S und S auf A;
2. beide reagieren auf dasselbe Objekt, das ein Schnittpunkt der kausalen Ketten des jeweiligen Spracherwerbsprozesses ist.
Die Interaktion beider macht es möglich zu sagen, jemand anderer habe recht oder nicht. Das geschieht durch einen Vergleich mit der Verwendung einer Äußerung eines anderen sowie dessen vergangenen Gebrauchs. Davidson diskutiert noch drei Modelle der Dreieckstheorie, auf deren Nennung ich mir hier beschränken will:
- A und S haben keinerlei Konzept von Objektivität.
- A ist ein Sprachlernender und S hat ein Konzept von Objekten (S ist Lehrer).
- A und S haben beide vollentwickelte Objektkonzepte, allerdings in radikal verschiedenen Sprachen (hier sei bloß ein Korrelationsverfahren gesucht, wonach S A's Antworten auf Objekte der Welt auf irgendetwas in seiner Sprache bezieht).


Für sein Dreiecksmodell gibt Davidson das Motto aus:
"I think, therefore you are". - Das soll heißen:


  1. Gedanken sind ohne Sprache nicht möglich.
  2. Sprache ist immer bezogen auf andere, in dem Sinne, daß sie mit anderen geteilt wird.


Dies ist für Davidson auch der Grund, warum Skeptizismus "can't get started". Die These, daß es keine Außenwelt und keine anderen Bewußtseine gibt, geht davon aus, daß Sprache etwas Privates, Subjektives ist. Diese Privatsprache soll nicht nur von einer Person gesprochen werden, sondern auch nur von dieser verstanden werden. Eine solche Sprache kann es, so Davidson, aber gar nicht geben. Eine Privatsprache ist nicht völlig unmöglich, setzt aber die Beherrschung einer mit anderen geteilten Sprache voraus.


VII.
Davidsons empirischer Ansatz hat den Vorteil, semantische Grundbegriffe weder aufeinander zu reduzieren, noch diese in irgendeinem "neutralen" Vokabular zu definieren, wie dies etwa behavioristische Ansätze versuchen. Seine Grundüberzeugung liegt in der Annahme, daß wir zur Klärung von Begriffen Verstehen, Bedeutung, Wahrheit und Überzeugungen nicht auf spezielles Wissen zurückgreifen müssen. Die Struktur, die er in die Objektivität unserer Sprachanwendungen hineinlegt, ist jedem Teilnehmer einer Sprachgemeinschaft jederzeit zugänglich. Die Logik der Sprache, die ihre Objektivität garantiert, entdeckt die Interdependenzen ihrer semantisch einfachen Begriffe. Allerdings sind die Beziehungen von Davidsons Wahrheitsbegriff mit dem Dreiecksmodell nicht ganz klar. Es bleibt ja noch eine Vorlesung.



Literatur:


  • 1990 (1): Wahrheit und Interpretation, Frankfurt/Main.
    - 1965: Bedeutungstheorien und lernbare Sprachen, S. 23-39
    - 1967: Wahrheit und Bedeutung, S. 40-67
    - 1968: Sagen, daß, S. 141-162


  • 1990 (2): The structure and content of truth, in: The Journal of Philosophy 6 (June 1990) [Übersetzung von mir, W.M.].

Zitate:




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